Kinderbücher Werte-orientiert auswählen

Von Martin Bucher

„Die Fantasie der Kinder braucht Bücher, um zu leben und zu wachsen. Alles Große, das in der Welt vollbracht wurde, spielte sich zuerst in der Fantasie eines Menschen ab, und wie die Welt von morgen aussehen wird, hängt zum großen Teil vom Maß der Einbildungskraft jener ab, die heute lesen lernen. Deshalb brauchen Kinder Bücher.“ (Astrid Lindgren, 1958)

Ich träumen von einer Welt, in welcher die Menschen ihre Probleme nicht durch Kämpfen lösen. Sondern indem sie sich im Guten so einigen, dass es keine Gewinner und Verlierer gibt. Gemeinsam statt einsam. Rücksichtsvoll mit Empathie, aufgeschlossen und auf Augenhöhe.

Diese Werte lernen Kinder dadurch, dass wir sie ihnen vorleben. Was ich bisher allerdings nicht im Fokus hatte war der große Einfluss von Kinderbüchern. Meinen Kindern habe ich schon immer viel vorgelesen – aber bei der Auswahl griff ich relativ bedenkenlos zu Büchern mit guter Aufmachung und „netter Geschichte“.

Beim dritten Kind ist das nun alles anders. Denn mir ist klar geworden, was für einen prägenden Einfluss Kinderbücher (und andere Medien) auf die Entwicklung der Kleinen haben. 

Bücher vermitteln über Texte und Bilder Geschichten und Werte. Und diese Werte beeinflussen die Wahrnehmung und das Verhalten der Kinder. Dazu kommt, dass sie bis zu einem gewissen Alter auch nicht wirklich zwischen den Geschichten und der Realität unterscheiden können.

Natürlich kannst Du den Kindern auch Bücher vorlesen, deren Texte und Bilder nicht Deinen Werten entsprechen – solange Du das beim Vorlesen thematisierst. Vielleicht so: „Schau, er hat ihn geschubst. Das finde ich nicht gut. Ich würde mir wünschen, die beiden würden einen anderen, liebevollen Umgang finden. Was meinst Du, wie hätten sie es anders lösen können?“. 

Es ist doch irgendwie schräg, dass wir den Kindern einen gewaltfreien und achtsamen Umgang vorzuleben versuchen – und am Abend im Bett ihnen Geschichten vorlesen, in denen es weder achtsam noch gewaltfrei zugeht!

Deshalb mein Tipp: Jedes Kinderbuch solltest Du zuerst einmal für Dich durchlesen und Text und Bilder auf Dich wirken lassen. Und dann entscheide in aller Ruhe, ob Du dieses Buch Deinem Kind zumuten möchtest. Das wird manchmal etwas schwieriger, wenn das Buch ein Geschenk der Großeltern war. Dann hilft, es heimlich verschwinden zu lassen – und die Eltern zu bitten, Dir zukünftig die Vorauswahl der Bücher zu überlassen.

Als Anregung für Dich gebe ich Dir eine kleine Liste mit, nach der Du Kinderbücher bewerten kannst:

  • Was will das Buch vermitteln? Gibt es einen „mahnenden Zeigefinger“? (Und die Moral der Geschicht’…)
  • Wie werden Konflikte gelöst?
  • Wie wird mit anderen Menschen umgegangen?
  • Gibt es Abwertung von Einzelnen oder Menschengruppen? („Ausländer“, „Arme“, „Ungebildete“, „Reiche“, „Fremde“, … )
  • Gibt es dort eine Einteilung in Gut / Böse? Wird der klassische fiesen Bösling bekämpft, damit das „Gute“ siegen kann? 
  • Wird das Recht des Stärkeren geübt (selbst wenn am Schluss dem Schwächeren die Hand gereicht wird)?
  • Welches Rollenverständnis von Mann und Frau wird in den Büchern transportiert? 
  • Wie passt der Umgang mit der Natur zu Deinen Werten? 
  • Wirkt das Buch liebevoll, freundlich und positiv?

Die „Böse Hexe“, die „fiese Stiefmutter“ – das sind alles Bilder, die aus den Geschichten kommen. 

Viele Bücher aus meiner eigenen Kindheit hatten keine Chance. „Lurchi – der Salamander“ – das viel mir wegen meiner Kindheitserinnerungen schon schwer, aber tatsächlich ist dort viel Gewalt und eine moralisierende Einteilung in Gut und Böse enthalten, das gehört nicht mehr ins Kinderzimmer. Auch die Gebrüder Grimm und Max und Moritz sind jetzt nicht mehr von der Partie. Selbst manche Wimmelbücher sind aus dem Bücherschrank entfernt worden.

Es macht übrigens Sinn, mit der selben Aufmerksamkeit auch die anderen Medien wie Hörbücher und das Kinderprogramm unter die Lupe zu nehmen…

Ich wünsche Dir viel Freude beim Ausmisten alter und dem Werte-orientierten Auswählen neuer Kinderbücher – und vielleicht magst Du eine Liste mit empfehlenswerten Büchern in das Kommentarfeld schreiben – das würde mich freuen!


Martin Bucher

Lebens- und Familiencoach, Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Gründer von online-familiencoach.de

Ich bin Jahrgang 1972, in zweiter Ehe mit einer wunderbaren Frau verheiratet und Vater dreier lebhaft-liebenswerter Kinder zwischen 3 und 15 Jahren.

Bildquelle: Shutterstock.com, Lizenzfreie Stockfoto-Nummer: 175520738 von conrado

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