Achtung, Frühförderung!

Von Franziska Westen

Viele Eltern beschleicht beim Besuch der „U-Untersuchungen“ ein Gefühl, das an Schultests erinnert. „Ihr Kind ist jetzt ungefähr so und so alt. Es kann jetzt…“. Was noch? Dreht sich mein Kind schon? Bildet es Silbenketten? Kann mein Kind bereits zwei Stufen im Erwachsenenschritt die Treppe hinuntersteigen? Selbst wenn der Folgegedanke „Ja“ lautet, ist das begleitende Gefühl der Erleichterung doch seltsam. 

Der Greifball fördert die Mund-Hand-Koordination, Babyschwimmen die Wahrnehmungsfähigkeit und den Gleichgewichtssinn der Kinder. Eltern sollten unbedingt schon ab dem sechsten Lebensmonat regelmäßig vorlesen, das ist gut für die Sprachentwicklung. Ausmalen schult die Feinmotorik. Haben Kleinkinder, die keine Kita besuchen, nicht soziale Defizite? 

Meine Schwägerin hat ein schlechtes Gewissen, weil ihr zehn Monate altes Kind noch nicht krabbelt, sie hat es nämlich ständig getragen. 

Der Kindergarten um die Ecke ist besonders stolz darauf, dass die Fünfjährigen bei ihnen schon Buchstaben und Zahlen lernen. 

Stopp. 

Was sich viele nicht bewusst machen: ob ein Kind ein paar Monate früher oder später anfängt zu laufen, frei zu sitzen oder zu sprechen, sagt nichts über die spätere Intelligenz, das Zurechtkommen in der Schule oder sogar (Achtung!) im Leben aus. 

Liebe Eltern, es ist durchaus angebracht, sich zurückzulehnen, denn die allermeisten Kinder können sich wunderbar drehen, laufen und sich verständlich ausdrücken, bevor sie in die Schule kommen. 

Na ja, werden sich viele denken, aber im Zweifel kann so ein bisschen Förderung doch nicht schaden, oder? Lieber zu viel als zu wenig? 

Schauen wir etwas genauer hin. Wie machen die Kinder das mit dem Lernen? 

Kinder lernen zum Beispiel laufen, weil sie permanent dabei sind, ihre Umgebung und ihren Körper inklusive seiner Möglichkeiten zu erkunden und zu entdecken. Sie haben einen unglaublichen Erfahrungsdurst und gehen dem unermüdlich und mit großer Freude nach. Sie beobachten uns beim Laufen. Sie probieren aus, scheitern, scheitern, scheitern und scheitern wieder. Ab und zu sind sie darüber frustriert und bringen das zum Ausdruck, aber sie geben nicht auf und irgendwann wackeln sie durch die Gegend. 

Zwei Grundvoraussetzungen für das Lernen sind, dass das Kind sich sicher fühlt (meine Bezugspersonen sind nicht dauerhaft in Angst/Not, meine Bedürfnisse werden meistens erkannt und gestillt) und: Begeisterung! Ohne die Hormone, die das Gehirn bei Freude, Interesse und Begeisterung ausschüttet, können tatsächlich Lerninhalte schlecht verankert werden. 

Auf Basis dieser Informationen kann man sagen, wichtiger als der Gedanke der Frühförderung ist vielleicht, die Kinder beim Lernen nicht zu stören! 

Wir können auf die „Schwächen“ unserer Kinder mit Übungen oder Training reagieren. 

Wir können uns aber auch einfach an diesen wunderbaren Wesen freuen und ihnen vertrauen, denn sie widmen sich zielsicher immer dem Entwicklungsschritt, der für sie gerade dran ist und am meisten Sinn macht. Welcher das ist, können wir nicht immer von außen erkennen. 

Kinder lernen nicht nur motorische und sprachliche Fähigkeiten. Sie entwickeln – vor allem an und mit uns Eltern – ein Grundgefühl, mit dem sie durch die Welt gehen und das später nur mit Mühe wieder geändert werden kann. 

So ein Gefühl kann sein: Es ist schön, auf der Welt zu sein. Es macht Freude, sich mit Dingen auseinanderzusetzen. Ich kann Schwierigkeiten aus eigener Kraft überwinden. Ich überlebe Frustration. Ich kann auf die Unterstützung der Menschen um mich bauen. 

Oder auch: Ich muss besser werden. Ich bin nicht gut genug. Ich muss an mir arbeiten. Ich muss geführt werden. 

Heißt das, Frühförderung ist schädlich? 

Nein, nicht per se. 

Mit Matsch spielen, im Wasser schwimmen, beim Kochen helfen und Lego bauen fördert Kinder ungemein – wenn sie es mit Freude tun. 

Rückt das Kind jedoch dabei in den Spot einer Problemlösung, kann es sein, dass es tatsächlich einen Monat schneller lernt, sich zu drehen, zwischenmenschlich aber etwas verloren geht, das sich nicht so einfach messen und vorführen lässt. 

Mein persönliches Fazit: Wenn ihr Lust habt auf Babyschwimmen, geht unbedingt hin! Euer Kind wird sich am Wasser freuen, am gemeinsamen Erlebnis und dies vorausgesetzt wird es jede Menge lernen. Aber überlegt euch zweimal, ob ihr gewisse Übungen dort macht, um euer Kind gezielt zu verbessern. Unter Umständen geht euch damit nämlich jede Menge Freude verloren. Unter Umständen auch eurem Kind – und ohne Begeisterung kein Lernen. 


Franziska Westen

Kunsttherapeutin B.A., familylab-Seminarleiterin

Ich bin 1987 geboren, verheiratet und Mutter zweier kleiner Kinder, an denen wir jeden Tag wachsen dürfen.


Bildquelle: Shutterstock.com / Oksana Kuzmina

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