Zwiegespräche – unsere Paarbeziehung pflegen

Von Franziska Westen

Als mir eine Kollegin von Zwiegesprächen erzählte, hatte ich noch keine Ahnung, welche Rolle sie in meinem Leben einmal spielen würden. Sie erzählte mir, dass sie den Glauben in Beziehungen bereits aufgegeben hatte, als sie vor 15 Jahren ihren Mann kennenlernte und er sie überzeugte, regelmäßig mit ihr Zwiegespräche zu führen. Seither tun sie dies jede Woche und sie könnte sich die Beziehung ohne Zwiegespräche nicht mehr vorstellen. 

Sogenannte Zwiegespräche nach Michael Lukas Möller laufen folgendermaßen ab: Eineinhalb Stunden lang setzen sich zwei Menschen zusammen und unterhalten sich nach einem vorgegebenen Schema. Einer spricht, der andere hört kommentarlos zu. Dann wird gewechselt. Die Zeit ist aufgeteilt in 15 min – 15 min – 15 min – 15 min – 10 min – 10 min – 5 min – 5 min. 

Drei Regeln müssen dabei befolgt werden: Keine Vorwürfe, keine Ratschläge, keine Fragen. 

Ausgangspunkt des Erzählens ist die Frage: Was bewegt mich gerade am meisten?

Erzählt wird natürlich nur, was man erzählen möchte, auch schweigen ist in Ordnung. 

15 Jahre lang jede Woche 90 Minuten? Das muss entweder ein ganz tolles Konzept sein oder die Angabe ist grob über den Daumen geschwindelt, dachte ich damals. „Sag mal ehrlich, habt ihr wirklich in all den Jahren JEDE Woche ein Zwiegespräch geführt?“, fragte ich sie deshalb. 

„Naja, nein“, antwortete sie, „in Zeiten, in denen wir viel zu tun hatten, es stressig war oder als die Kinder klein waren, wenn sich also viel getan hat – haben wir jede Woche zwei gemacht.“ 

Jetzt war ich wirklich beeindruckt. Zuhause erzählte ich meinem Mann davon. 

„Das machen wir auch!“, sagte der prompt. „Was?“, war meine überraschte Reaktion, „Aber es läuft doch gut zwischen uns, das ist doch gar nicht nötig, oder?“ 

Schließlich ließ ich mich darauf ein. Wir besuchten zusammen mit drei weiteren Paaren ein Seminar bei meiner Kollegin, was zwar nicht unbedingt nötig ist, wenn man Zwiegespräche führen möchte, denn die Regeln sind schnell erklärt. Es gab jedoch die Möglichkeit Fragen zu klären, von typischen Verläufen und Fallstricken zu erfahren und am Ende schaffte es eine gewisse Verbindlichkeit, denn wir mussten die ersten zehn Termine als Paar fest vereinbaren. 

„Die ersten zehn Termine sollten strikt nach den Regeln ablaufen und verbindlich eingehalten werden.“, wurden uns erklärt, „Damit ist eine gewisse Hürde genommen und es ist wahrscheinlicher, dass das Zwiegespräch einen festen Platz im Alltag behält.“ Könne ein Termin wirklich einmal nicht stattfinden, solle er nachgeholt werden. 

„Anfangs, wenn wir verliebt sind, interessiert uns alles am Anderen. Wir könnten stundenlang zuhören. Aber im Laufe der Zeit scheint sich das abzunutzen und irgendwann denken wir, wir kennen den Anderen in- und auswendig. Wir wissen sowieso schon, wie er oder sie gleich handeln oder reagieren wird. Das stimmt aber nicht! Wir sind so facettenreich und immer im Wandel. Zwiegespräche helfen uns dabei, den Anderen immer wieder und wieder neu kennenzulernen. Und noch heute sind mein Mann und ich immer wieder überrascht von den Gedanken und Empfindungen des Anderen: ,So denkst du darüber? Ich wusste nicht, dass es dir so geht damit!‘ Auf diese Weise wecken die Zwiegespräche immer wieder die Neugier aufeinander.“

Doch wir wurden auch gewarnt: Zwiegespräche seien Entwicklungs-Beschleuniger, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Stehe eine Trennung im Raum, könne es unter Umständen auch damit schneller gehen. Er muss also nicht immer stärkend für die Beziehung sein, dieser Dünger für die persönliche Entwicklung. Aber auch bei einer Trennung können Zwiegespräche helfen, „gut auseinander zu gehen“. 

Es mache durchaus Sinn, mit den Zwiegesprächen anzufangen, BEVOR es in einer Beziehung kriselt. Eine konstruktive Gesprächskultur zu etablieren, wirke sich in jeder Beziehungsphase hilfreich aus. 

Da saßen wir also mit unserem Zwiegespräch und voller Motivation. 

Unser erster gemeinsamer Termin lief wunderbar, der zweite auch noch. Wir erzählten ein bisschen dies und das, waren aufgeregt und gespannt. Wie schön, so zusammen zu sitzen, mit einer Kerze und Tee, fanden wir. 

Beim dritten Termin fing es an zu stocken: „Heute hab ich überhaupt nichts zu sagen:“ … „Ich wüsste so viel Anderes, was ich heute tun könnte.“ … „Ich hab heute gar keine Lust auf Zwiegespräch.“ Zweifel, ob die Mühe wirklich lohnend sei, und schlechte Laune machten sich breit. Die erste halbe Stunde schlich quälend vorbei. Dann kamen wir langsam ins Reden und auf einmal kamen doch noch Themen zur Sprache, an die wir erst gar nicht gedacht hatten. Am Ende waren wir uns einig, dass es gut gewesen war, nicht abzubrechen. 

Die folgenden fünf Termine liefen wieder so: anfangs Langeweile, nichts zu sagen, am Ende froh, dass wir uns die Zeit genommen hatten und neue Erkenntnisse. 

Damit war für uns die Hürde genommen. Ab dem neunten Zwiegespräch wollten wir uns dieses Beziehungswerkzeug nicht mehr aus unserem Alltag wegdenken. 

Und heute begleitet es uns bereits dreieinhalb Jahre. Mittlerweile hat es sich auch manchmal in schwierigen Zeiten bewährt, aber auch in guten Zeiten bietet es uns verlässlich einen Raum des Innehaltens, Wahrnehmens und Reflektierens. Wir möchten es beide nicht mehr missen. 

Was hilft euch, als Paar gut miteinander in Kontakt zu bleiben? 


Franziska Westen

Kunsttherapeutin B.A., familylab-Seminarleiterin

Ich bin 1987 geboren, verheiratet und Mutter zweier kleiner Kinder, an denen wir jeden Tag wachsen dürfen.

Bildquelle: Shutterstock.com / LittlePerfectStock

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