Unser Familienrat

Von Martin Bucher

Wir sind eine fünfköpfige Patchwork-Familie mit drei Kindern im Alter von 14, 8 und 2 Jahren. Alle wollen mit ihren individuellen Bedürfnissen und Wünschen gesehen werden. Und uns ist es wichtig, Konflikte in einer wertschätzenden Art und Weise zu lösen. Dafür braucht es Vereinbarungen im Zusammenleben, die verbindlich sind und sich gleichzeitig flexibel an die Dynamiken des Lebens anpassen.

Ein Baustein, um das zu erreichen, ist unser Familienrat, zu dem wir uns im Kreis sitzend auf dem Wohnzimmerteppich einfinden.

Dieses Ereignis birgt für die Kinder eine wichtige Lernerfahrung. Dort lernen sie eine wertschätzende Dialogkultur und den konstruktiven Umgang mit Konflikten. Sie sind gleichberechtigt mit uns Erwachsenen beteiligt, bringen eigene Themen ein und entwickeln gemeinsam die Lösungen mit. Dadurch erleben sie Gleichwürdigkeit und Selbstwirksamkeit.

Unsere Grundregeln

Damit es für die Kinder nicht zu lange wird, peilen wir eine Dauer von höchstens 20 Minuten an. Ein Redegegenstand sorgt dabei für eine ruhige Gesprächsatmosphäre: Wer etwas sagen möchte, nimmt sich den Gegenstand aus der Mitte und legt ihn wieder zurück, sobald er fertig ist. Alle anderen sind still.

Unsere vier goldene Regeln für den Familienrat in aller Kürze:

  1. Alle Familienmitglieder sind gleichwertig. Das heißt, die Erwachsenen sind nicht höher gestellt als die Kinder und Geschwisterkinder haben im Rat dieselbe Stellung, unabhängig vom Alter.
  2. Jeder darf ansprechen, was ihn bewegt und alle anderen hören erst einmal nur zu. Gegenseitiges ins Wort fallen ist tabu. Abfällige Bemerkungen haben hier keinen Platz.
  3. Beschlüsse sind mindestens bis zum nächsten Treffen gültig. Sie werden in einem Familienbuch schriftlich festgehalten. Was sich bewährt hat, das wird beibehalten. Und über den Rest wird neu verhandelt.
  4. Der Rat ist nach der vereinbarten Zeit um. Nicht behandelte Themen können beim nächsten Familienrat nochmal auf die Agenda gesetzt werden.

Ablauf

Wir beginnen mit einer Minute Stille. Dadurch können sich alle sammeln und es kehrt Ruhe ein.

Jetzt beginnt die Wertschätzungsrunde, die regelmäßig ein Strahlen auf die Gesichter zaubert. Wer möchte, drückt einem anderen Familienmitglied seine Dankbarkeit aus. Das hört sich beispielsweise so an: „Ich fand es toll, dass Du gestern mit mir gespielt hast“. Oder „Ich habe mich sehr gefreut, dass Du Dich letzten Montag um Deinen kleinen Bruder gekümmert hast, als es mir nicht so gut ging“. Das machen wir so lange, bis keinem mehr etwas einfällt. Es ist für alle eine wahre Wohltat, Wertschätzung zu teilen als auch zu empfangen.

Nun werden reihum Themen vorgeschlagen. Da gibt es keine Grenzen: Zu wenig Schokolade, Konflikte wegen der Medien-Nutzungszeiten, Ordnung und Sauberkeit, Unterstützung im Haushalt, gemeinsame Essenszeiten, Spielzeiten, gemeinsame Aktivitäten – auch Themen vom letzten Familienrat können wieder auf die Agenda, falls getroffene Vereinbarungen nicht funktioniert haben oder Themen beim letzten Mal aus Zeitgründen nicht behandelt wurden.

Wenn mehr als ein Thema genannt wird, stimmen wir ab, welches wir als erstes behandeln wollen.

Jetzt beginnt die Lösungssuche: Als erstes erzählt derjenige, der das Thema eingebracht hat, um was es ihm oder ihr dabei geht. Danach darf jeder sich an der Lösungssuche mit Verständnisfragen und Ideen beteiligen. Wenn alle mit dem Ergebnis einverstanden sind, wird diese gefundene Vereinbarung in unserem „Familienbuch“ festgehalten.

Herausforderungen…

Trotz goldener Regeln klappt es mit dem Familienrat nicht immer so, wie wir uns das wünschen. So hat die großen Tochter nicht immer Lust, sich einzubringen – wenn jemand fehlt, beschränken wir uns manchmal auf die Wertschätzungsrunde .

Oder Verabredungen von uns Erwachsenen oder der Kinder bringen unsere Regelmässigkeit durcheinander. Dann ist es wichtig, den Familienrat immer wieder neu zu organisieren, damit er nicht ausschleicht.

Fazit

Der Familienrat ist zu einem wichtigen Instrument für ein gutes Miteinander geworden. Bisher haben wir durch ihn immer Vereinbarungen im Konsens gefunden, mit der alle Familienmitglieder leben können. Mich erstaunt dabei jedesmal aufs Neue, mit welcher Ernsthaftigkeit die Kinder bei der Sache sind und welche klugen Lösungen sie finden.

Wie ist es bei Euch – welche Erfahrungen habt Ihr mit dem Familienrat?


Martin Bucher

Coach, Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, familylab Seminarleiter, Gründer von online-familiencoach.de

Ich bin Jahrgang 1972, in zweiter Ehe mit einer wunderbaren Frau verheiratet und Vater dreier lebhaft-liebenswerter Kinder zwischen 2 und 13 Jahren.


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Bildquelle: Shutterstock.com, Nummer 518860564 von NothingIsEverything

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